Vom Zurückbleiben am Ende des Lebens.

Wenn es absehbar ist, dass einer meiner Patienten sterben wird, sind die letzten Tage immer eine sehr intensive Zeit für alle beteiligten Personen. Meist kennen wir diese Patienten und ihre Angehörigen schon länger, haben vielleicht vor Jahren mal das Erstgespräch geführt, in denen die Patienten zum Beispiel eine Krebsdiagnose erfahren haben, und in der Zeit dazwischen viele emotionale Berge und Täler gemeinsam gemeistert. Oft gibt es einzelne Krankenschwestern und Pfleger, die einen besonderen Bezug zu diesen Menschen aufgebaut haben. 

Ich finde das Sterben an sich nicht schlimm, solange es so würdevoll wie möglich passiert und noch etwas Zeit für die Menschen bleibt, die noch offenen Enden zu regeln und langsam aus dem Leben zu gehen. Gerade nach schwerer Krankheit ist es oft eine Erlösung für die Patienten und auch für die Betreuenden. Man lernt mit dem Tod und dem Weg dahin umzugehen, ihn als unabdingbares Finale für uns alle zu verstehen. So ist es oft fast tröstlich, wenn ein alter oder sehr kranker Mensch loslassen darf.

 

Niemals werde ich allerdings mit den zurückbleibenden Angehörigen seelisch zurecht kommen. Ganz besonders schlimm ist es für mich bei alten Männern, die nach vielen Jahren Ehe ihre Frau verlieren. Dieser Moment, wenn das Abschiednehmen am Bett der Verstorbenen beendet ist und der Mann realisiert, dass er nun für den Rest seines Lebens allein sein wird, ist  für mich viel furchtbarer als das Sterben der Ehefrau. Wenn diese Männer sich ein letztes Mal von Ihrer Frau verabschieden und dann viel kleiner und gebückter als noch kurz zuvor die Station ein letztes Mal verlassen, sieht man in ihren Augen die Angst vor dem leeren Bett und dem stillen Zuhause, das so lange beiden gehörte. Dies ist der Moment, wo ich immer weinen muss, wenn ich es vorher nicht getan habe. 

Neulich war wieder ein sehr süßes altes Ehepaar, mehr als 50 Jahre verheiratet, in dieser Situation bei uns. Beide sind sehr realistisch mit der Situation umgegangen und wussten, dass die Frau nicht mehr nach Hause kommen würde. Er war jeden Tag so lange es ging da. Jeden Tag brachte er eine Kleinigkeit mit, um Ihr eine Freude zu machen. Mal eine Blume, mal etwas von zuhause, was ihr gefiel. Und so vergingen die Tage. Nach einer sehr schlechten Nacht riefen wir den Mann früh morgens an, da abzusehen war, dass seine Frau die nächste Nacht wohl nicht mehr erleben würde.
Er kam eine Weile später mit einem auffällig schönen Blumenstrauss in die Klinik. Auf unsere Nachfrage erklärte er uns, dass dies eine Kopie ihres Hochzeitstrausses von vor über 50 Jahren sei. Er habe in der letzten Nacht viel wach gelegen und an die schönen gemeinsamen Zeiten gedacht, und sich vorgenommen, Ihr mit diesem Strauß eine besondere Freude zu machen. 

In diesem Moment konnte keiner die Tränen zurück halten. Weniger noch als später am Tag, als die Frau starb, ihren Brautstrauß auf dem Nachttisch. Und auch weniger als in dem Moment, wo der liebe alte Herr uns ein letztes Mal zuwinkte und noch kleiner und krummer als noch am Morgen die Station verließ um in das nun verlassene gemeinsame Zuhause zurück zu gehen. 

Therapieoptionen

In der modernen Medizin werden die Grenzen des machbaren immer weiter nach hinten verschoben. Viele wichtige Organe können zumindest für eine Weile durch Maschinen, in Kombination mit Medikamenten,  ersetzt werden. Bei der Übergabe am Patientenbett heisst es lapidar: was die Ausscheidung angeht, steht die Niere neben dem Bett. Gemeint ist die Dialysemaschine. Diese leuchtet freundlich blau und hat in etwa die Ausmasse von R2D2. Beatmet werden die meisten Patienten eh, in unserer Klinik erhalten viele auch erhebliche Kreislaufunterstützung bis hin zu vollkommen künstlichem Kreislauf. Kunstherzen gibt es zwar auch “to go” mit Akkus für zuhause, bei uns sind es aber meist grosse Maschinen, die das Blut zum einen mit Sauerstoff versorgen (statt Lunge) und zum anderen aber auch einen kompetenten Kreislauf aufrechterhalten können (statt Herz). Im schlimmsten Fall liegt bei mir also ein Patient ohne funktionierendes Herz, Lunge, Leber, Niere und Bauchspeicheldrüse. Die Ernährung ist eh künstlich, Bewegung erfolgt passiv mit unseren Physios. Und dann? Hat man sich erstmal in diese Situation gebracht, stirbt der Patient nicht mehr von alleine. Irgendjemand muss schon irgendwelche Regler verstellen oder Schalter betätigen, damit es zu Ende geht. Als Anfänger in dieser Hochleistungsmedizin lässt man sich gern und schnell mitreissen von den technischen Möglichkeiten und den damit verbundenen Therapieoptionen. Viele dieser apparativen Möglichkeiten sind nur als überbrückende Maßnahmen kritischer Situation gedacht und geeignet. Schwer ist es, die Grenzen zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Schwierig ist es,  zu lernen anzuerkennen, wann der Moment ist, wo man den Menschen trotz aller theoretischen Möglichkeiten, die Therapie fortzuführen, gehen lassen sollte.

Gut ist es, in solchen Momenten einen erfahrenen Kollegen an Bord zu haben, der einem im Moment der Verzweiflung die Hand auf die Schulter legt und sagt: ,,weisst Du, wenn der liebe Gott das Leben abgepfiffen hat, kann man zwar die Nachspielzeit nutzen, aber man sollte nicht in die Verlängerung gehen.”

Oder um es mit den Worten des sehr erfahrenen Vaters eines Kollegen zu sagen: ,,Man sollte den Menschen die Chance erhalten, an ihrer Krankheit zu versterben und nicht an der Therapie”.

Alles im Leben hat seine Zeit…

… das waren die Worte, mit denen mein langjähriger Schrauber mich getröstet hat, als ich meinen geliebten Bulli aus Vernunftsgründen weg gab und gegen ein vermeintlich vernünftiges Familienauto tauschte (welches inzwischen auch Coladose oder so ist).  Als ich mich entschloss, aus meiner WG auszuziehen, um mit meiner jetzigen Frau aus einer Lebens- auch eine Wohngemeinschaft zu machen, dachte ich auch: alles im Leben hat seine Zeit…. Als ebendiese Frau dann schwanger wurde musst das Motorrad dran glauben, schließlich hat… sie ahnen es bereits. Als der Nachwuchs dann schlüpfte, fiel naturgemäß auch einiges weg. Mannschaftssport? Wann denn? Am Wochenende feiern? Wie denn? Surftrips mit den Jungs? Ich bitte dich, das hattest Du genug. Alles im Leben hat seine Zeit.

Nun werden wir unsere schöne Altbauwohnung in der begehrtesten Lage unserer kleinen Stadt bald verlassen, um ein neues Leben im eigenen Haus und Garten am Rande eben dieser Stadt zu beginnen und uns dafür gefühlt über Generationen verschulden.

Wenn nun alles im Leben seine Zeit hat, warum ist es dann so, dass man vor  allem selbst immer weniger Zeit hat? Und wenn wieder die Zeit kommt, in der man viel Zeit hat, ist es eigentlich auch schon gelaufen.

Wenn man so drüber nachdenkt, haben die Veränderungen, die sich im Laufe der Zeit ergeben, bis auf wenige Ausnahmen eins gemein: Man legt sich immer mehr fest, verschweisst sich mit den vorgegebenen Bahnen und verjüngt den anfangs breiten Horizont der Möglichkeiten immer mehr zum Tunnel des eigenen Lebens. Und wenn dieser Tunnel dann durchfahren ist, wartet am Ende was? Alles im Leben hat seine Zeit, auch das Ende. Bleibt zu hoffen, dass man genau dann nicht bereut, nicht mitunter etwas aus den geregelten Bahnen und Entwicklungen ausgebrochen zu sein.

Danke

Auf meiner Intensivstation liegen meist 24 Patienten. Allen gemein ist der kritische Gesundheitszustand und das meist fortgeschrittene Alter. Kalendarisch oft, biologisch eigentlich immer. (Wir Mediziner beschreiben den ,,Allgemeinzustand”  enstsprechend des Gesamteindrucks des Patienten on Relation zum kalendarischen Alter)

Die meisten haben eine Operation in oder ums Herz hinter sich, manche haben eine schwere Lungenerkrankung, andere warten tapfer auf ein neues Herz. Wenn es den Patienten innerhalb der ersten beiden Tage nach ihrer Operation gut genug geht, verlassen sie uns in Richtung Normalstation. In den seltensten Fällen geht es den Patienten schon richtig gut, viele sind verwirrt, alle müde und erschöpft. Zeit für ein Gespräch zum Abschied bleibt kaum, zu hoch ist der Zeitdruck. Die neuen Patienten sind schließlich schon im OP. Manchmal geht es den Patienten auch so schlecht, dass sie für immer von uns gehen.

Die große Zahl der Patienten, die vom Verlauf dazwischen leigen, werden in aller Regel, wenn irgend möglich, in andere Kliniken oder Intensivstationen verlegt, die nicht den hohen Druck der täglich durchzuführenden Operation mit nachfolgendem Bettenbedarf haben.

Und so vergehen die Tage und Wochen, es werden zig Patienten aufgenommen, stabilisiert und wieder verlegt. Meist lernt man Angehörige kurz kennen, da wir Besuch erst am 2. Tag nach OP zulassen jedoch oft nur am Telefon. Wir beruhigen, erklären den Stand der Dinge und machen auf stattgehabte oder zu erwartende Komplikationen aufmerksam.

Was wir fast nie erleben, ist ein Patient, dem es schnell wieder richtig gut geht. Ganz selten kommt mal eine Postkarte aus der Reha oder ein ehemaliger ,,Langlieger” kommt tatsächlich persönlich vorbei.

Neulich übernahm ich im Dienst spät Frau N.  aus dem OP. Sie war zuhause kollabiert, vom Notarzt stabilisiert und zu uns gefahren worden. Im CT hat man gesehen, dass die gesamte Hauptschlagader in sich eingerissen war, eine sogenannte Aortendissektion. Der Verdacht wurde geäußert, dass die Hirngefäße zumindest zum Teil für unbestimmte Zeit nicht durchblutet waren. Es war völlig umklar, ob die bereits zu diesem Zeitpunkt schwere Hirnschäden hatte oder nicht.

Frau N. wurde sofort operiert und kam recht stabil bei mir an. Am nächsten Tag eine CT des Kopfes: Hirnschäden durch Minderdurchblutung nicht auszuschliessen. Ebenfalls problematisch: ein akutes Nierenversagen, so dass wir die Patientin dialysieren müssen. Am 3. Tag wird sie langsam wach. Diese Momente sind sehr spannend, da sich mögliche Hirnschäden jetzt zeigen oder ausschliessen können. Frau N. bewegt die rechte Körperhälfte schwach, die linke gar nicht.

Ich versuche dem Ehemann die Situation schonend und verständlich zu erklären. Falls sie überhaupt überlebt, sage ich, wird sie vielleicht immer dialysepflichtig und ein Pflegefall bleiben. Meine erwarteten Reaktionen waren Verzweiflung und Zukunftsängste.

Der Mann stahlt mich an, umarmt mich unvermittelt und drückt mich fest. Ist doch super, sagt er. Er habe gar nich geglaubt, sie überhaupt wieder zu sehen und er wolle einfach danke sagen, dass wir seine Frau so toll betreuen. Alles was kommen kann,  kriegen wir schon hin, sagt er, während er ihre Hand tätschelt. Wäre doch gelacht nach all den Jahren.

northernsoul80:

Eine kleine Sammlung der schönsten Zitate des größten Poeten und Wortakrobaten in der deutschen Musikszene.

Originally posted on Abfallkalender:

Weil Eins Zwo bei mir grade mal wieder rauf und runter läuft, eine kleine Top Ten der besten Zeilen von Dendemann. Was im Prinzip nicht geht, da fast alle seine Zeilen genial sind ;-)

10. Händchen halten

Und die Clique feiert, wenn sich einer Petra packt,
dann wird die fachgerecht flachgelegt wie ein Tetrapack.
[…]
Gott sei Dank schert sich Petra einen Dreck um die Spießbürger,
vernascht die Jungs auch weiterhin wie saftige Cheeseburger.

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