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Als ich an diesem Mittwoch auf die Station komme, ist die Stimmung merklich anders. Nomalerweise wird man schon auf dem Flur fröhlich begrüsst, man hört von irgendwo einen der vielen Kollegen lachen und es herrscht ein betriebsames Treiben. Im Hintergrund aus einem Patientenzimmer eines der vielen Hinweisgeräusche der vielen medizinischen Geräte. Heute ist es still.

Kollegin S. kommt mir entgegen. Normalerweise lächelt sie mich an, fragt nach dem Befinden, und kommentiert den aktuellen Stand der von ihr betreuten Patienten mit einem, maximal zwei Schlagwörtern. Heute flackert Ihr Blick, sie hält meinem nicht stand.

Der Patient in ihrem Zimmer liegt abgedeckt unter dem weissen Laken. Man ahnt nur die Konturen, er hat so sehr abgenommen in den letzten Wochen. Die um sein Bett aufgebauten Maschinen, die nach und nach mehr wurden und immer mehr Funktionen seines kleinen Körpers ersetzt haben, sind ausgeschaltet und schweigen. Die vielen Katheter und Schläuche zur Aufrechterhaltung und Überwachung seiner Organfunktionen sind bereits entfernt worden.

Seit fast einem Vierteljahr lag er schon bei uns. Anfangs war das ganze Team hochmotiviert. In einem Bereich der Medizin, wo  der Altersdurchschnitt sehr hoch ist, haben wir uns fast gefreut, endlich jemandem helfen zu können, der sein ganzes Leben noch vor sich haben sollte. Im Verlauf der Wochen kehrte sich diese Euphorie ins Gegenteil um. Jeder winzige Schritt nach vorne wurde wenig später um mehrere grosse Schritte in die falsche Richtung zunichte gemacht. Wäre er kein Kind, wir hätten lange eingesehen, dass wir mit unseren Mitteln am Ende sind. Aber so blieb die Hoffnung, dass sein kleiner Körper sich wieder erholen würde.

Nach und nach fiel immer mehr Kollegen auf, dass sie das Zimmer mit dem kleinen Patienten vermeiden. Man kommt etwas früher zur Arbeit, um sicher in einem anderen Bereich der Station eingeteilt zu werden. Es gibt Teambesprechungen, in denen ein ähnlicher Fall der Vergangenheit besprochen wird, bei dem viele innerlich schon aufgegeben hatten.  Kurz wirkt diese Motivation, aber die Verzweiflung wächst mit der Anzahl der Wochen Liegezeit bei uns.

Kollegin S. hatte es lange geschafft, nicht in diesem Zimmer zu arbeiten. An diesem Mittwoch hat sie sich aber bereit erklärt, da es sonst auch keiner gewollt hätte.

Gegen Mittag war der Patient nun verstorben. Etwas überraschend. An einem solchen Zeitpunkt der Intensivtherapie stirbt man nicht einfach. Dafür arbeiten die Maschinen zu zuverlässig. Die Therapie wird aktiv eingestellt.

Ich zwinge mich, noch einmal am Bett zu sitzen, und das Laken zurück zu schlagen. So friedlich sah er noch nie aus, seit er bei uns lag.  Und während ich mich verabschiede, wird das Zimmer bereits geputzt und die Maschinen neu aufgerüstet. In zwei Stunden wird der nächste Patient erwartet.

Auch wenn ein Kind stirbt,dreht die Welt sich weiter.

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One comment on “12

  1. […] Nach und nach fiel immer mehr Kollegen auf, dass sie das Zimmer mit dem kleinen Patienten vermeiden…. […]

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