Schatten

Fast zwei Jahre haben sie mich in Ruhe gelassen. Ich durfte uneingeschränkt der gute, fröhliche Vater und Partner sein, der ich immer sein wollte.

Im Job hat der Wechsel der Abteilung mir gut getan; klar ist es noch etwas stressiger als vorher, aber für mich fühlt es sich genau richtig an. Phasenweise habe ich sie ganz vergessen, die Schatten, die mich seit nunmehr drei Jahren begleiten. Manchmal, ganz selten, und schon lange nicht mehr, haben sie mich gemahnt, etwas kürzer zu treten. Die zur morgendlichen Routine gewordenen Medikamente habe ich immer weiter reduziert. Von Anfangs 40 mg auf 20, nun auf 10 und an manchen Tagen vergesse ich sie ganz. Die wöchentlichen Termine mit dem Therapeuten haben wir auf 6-8 wöchige Abstände geplant und während der 45 Min. eigentlich wie alte Bekannte geplaudert. Hurra, ich bin wieder ganz gesund.

 

Zwei Tage vor Heiligabend nun das fast vergessene Gefühl im Bauch beim Aufwachen: das Herz rast, mir ist übel, die Beine fühlen sich fremd an und die Hände  kribbeln. Sofort fangen die Gedanken an zu rasen; all die Dinge, die in den nächsten Tagen geplant sind und auf die ich  mich gefreut habe erscheinen unmögliche Hürden. Morgen zur Arbeit gehen ? (ich hatte mich drauf gefreut, da es um die Festtage oft etwas ruhiger ist) Schon beim Gedanken daran muss ich mich übergeben. Mit den angereisten Eltern den Tag verbringen, wie geplant das Weihnachtsfest heute vorzuziehen? Ich gerate in schiere Panik, verkrieche mich unter der Bettdecke.

 

Ich merke schon, wie ich wieder dünner werde, kann kaum essen, mit Gewalt etwas trinken.

Es gibt Phasen am Tag, da kann ich es kurz verdrängen, funktioniere für ein paar Minuten fast normal. Und dann wieder die Schatten.

Das Schlimmste an diesen psychischen Erkrankungen ist das Unsichtbare, nicht greifbare. Wie gerne hätte ich statt dessen ein gebrochenes Bein oder eine echte, organische Erkrankung. Da wären Ursache und Therapie greifbar und es wäre einfacher zu erklären.

So rätseln die armen Kollegen, die jetzt meine Schichten um Weihnachten machen müssen, was der eigentlich so fröhliche Kerl wohl plötzlich haben mag.

 

Frohe Weihnachten btw

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