Was übrig bleibt

Es war eine SMS die uns von dem Unfall berichtete. 160 Zeichen, vielleicht ein paar weniger. “Schwer” stand da. Und “ernst”. Außerdem “Intensivstation”. Aber auch “stabil”.

In den folgenden Stunden fügt sich das Bild zusammen. Noch im Morgengrauen hat es einen nicht ganz klaren Unfall gegeben, ihn trifft wohl keine Schuld. Schwere Verletzungen des Kopfes bei ihm, sonst keine Verletzten.

Und nach ein paar Tagen der Anruf: wenn Ihr ihn noch einmal sehen wollt, müsstet ihr morgen in die Klinik fahren.

Es ist ein saukalter Tag kurz vor Weihnachten und wir machen uns auf die Reise, immerhin 250 km, zu der Klinik, in der er liegen soll. Näher an seiner alten Heimat als an seiner neuen, und damit uns, seiner WG. In den letzten Tagen haben wir viel Zeit miteinander verbracht, es ist alles gesagt. Die Fahrt ist sehr schweigsam, wir haben alle Angst.

In der Zielklinik treffen wir seine Eltern im Foyer, außerdem Freunde aus anderen Teilen des Landes. Manche haben deutlich verweinte Augen, manche wirken apathisch, andere auffallend fröhlich. Zu zweit dürfen wir auf die Intensivstation.

Ich war noch Medizinstudent, hatte als einziger schon mal eine solche Station gesehen. N. und ich gehen gemeinsam rein, wir sind ja schließlich seine WG.

Ein kleiner Verband am Kopf, sonst ist nichts zu sehen. Er hat seine Hausschuhe an, die Füße seien etwas kühl.  Es laufen nur sehr geringe Dosen an Schlaf- und Schmerzmittel, eigentlich müsste ein Kerl seines Formats relativ wach sein. N. hält es nicht lange aus und geht hinaus.

Ich bleibe noch einen Moment am Bett sitzen, streichel seine Hand und sage ihm, dass es schön wäre wenn er bliebe, es aber in Ordnung sei, wenn er lieber gehen wolle.

Die Schwester lächelt und freut sich, dass “der Handballer” Besuch habe. Handball hat er nie gespielt, doch seine Statur und unsere Heimatstadt haben das Personal fantasieren lassen. Der Handballer von Bett drei.

Seine Eltern laden uns zu einem Snack ein, sie haben ein Appartement direkt neben der Klinik mieten können. Am Nachmittag bin ich der Einzige, der mit den Eltern noch einmal zu ihm gehen möchte.

Er hat hoch Fieber. Seine Eltern sitzen in dem kleinen Wartebereich vor der Station als ich hinaus komme. Als ich mich zu ihnen setze, schauen sie mich voller Erwartung an. In meinem Kopf haben sich meine Gedanken bereits formiert, ich fühle mich sehr sicher, das Richtige anzusprechen, tue mich aber schwer, es zu formulieren.

Aber als alles gesagt ist, fällt von uns dreien spürbar Spannung ab. Wie erklärt man den Eltern seines besten Freundes, dass Ihr einziger Sohn hirntot ist? Haben die Ärzte wirklich nichts dergleichen besprochen oder haben sie es verdrängt?

Als ich ihnen die Möglichkeiten der Organspende formuliere, weiss ich nicht, wie die Reaktion ausfallen wird. Finden sie es verwerflich, darüber zu sprechen, wo er doch wenige Meter weiter liegt und lebt? Das Gegenteil ist der Fall. Nachdem alles gesagt ist, wirken beide erleichtert. Seit Tagen hadern sie mit dem tragischen, unnötigen Unfall und seinen Folgen. Und nun ist das erste Mal seit langem wieder ein Gedanke da, der etwas Sinn und Hoffnung enthält. Nicht für ihn, aber für andere.

 

Viele Monate nach seinem Tod erfahren wir, dass alle wichtigen Organe entnommen und erfolgreich transplantiert wurden. Es gibt anonyme, aber sehr persönliche Briefe des Empfängers der Lunge und des Herzens voller Dankbarkeit im vollen Bewusstsein, ein neues Leben nur durch das Leid einer anderen, fremden Familie erhalten zu haben.

Ein Organ zu spenden ist das selbstloseste und größte Geschenk, was man seiner Nachwelt machen kann.

One comment on “Was übrig bleibt

  1. Aus dem Norden direkt ins Herz. Danke.

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