Danke

Auf meiner Intensivstation liegen meist 24 Patienten. Allen gemein ist der kritische Gesundheitszustand und das meist fortgeschrittene Alter. Kalendarisch oft, biologisch eigentlich immer. (Wir Mediziner beschreiben den ,,Allgemeinzustand”  enstsprechend des Gesamteindrucks des Patienten on Relation zum kalendarischen Alter)

Die meisten haben eine Operation in oder ums Herz hinter sich, manche haben eine schwere Lungenerkrankung, andere warten tapfer auf ein neues Herz. Wenn es den Patienten innerhalb der ersten beiden Tage nach ihrer Operation gut genug geht, verlassen sie uns in Richtung Normalstation. In den seltensten Fällen geht es den Patienten schon richtig gut, viele sind verwirrt, alle müde und erschöpft. Zeit für ein Gespräch zum Abschied bleibt kaum, zu hoch ist der Zeitdruck. Die neuen Patienten sind schließlich schon im OP. Manchmal geht es den Patienten auch so schlecht, dass sie für immer von uns gehen.

Die große Zahl der Patienten, die vom Verlauf dazwischen leigen, werden in aller Regel, wenn irgend möglich, in andere Kliniken oder Intensivstationen verlegt, die nicht den hohen Druck der täglich durchzuführenden Operation mit nachfolgendem Bettenbedarf haben.

Und so vergehen die Tage und Wochen, es werden zig Patienten aufgenommen, stabilisiert und wieder verlegt. Meist lernt man Angehörige kurz kennen, da wir Besuch erst am 2. Tag nach OP zulassen jedoch oft nur am Telefon. Wir beruhigen, erklären den Stand der Dinge und machen auf stattgehabte oder zu erwartende Komplikationen aufmerksam.

Was wir fast nie erleben, ist ein Patient, dem es schnell wieder richtig gut geht. Ganz selten kommt mal eine Postkarte aus der Reha oder ein ehemaliger ,,Langlieger” kommt tatsächlich persönlich vorbei.

Neulich übernahm ich im Dienst spät Frau N.  aus dem OP. Sie war zuhause kollabiert, vom Notarzt stabilisiert und zu uns gefahren worden. Im CT hat man gesehen, dass die gesamte Hauptschlagader in sich eingerissen war, eine sogenannte Aortendissektion. Der Verdacht wurde geäußert, dass die Hirngefäße zumindest zum Teil für unbestimmte Zeit nicht durchblutet waren. Es war völlig umklar, ob die bereits zu diesem Zeitpunkt schwere Hirnschäden hatte oder nicht.

Frau N. wurde sofort operiert und kam recht stabil bei mir an. Am nächsten Tag eine CT des Kopfes: Hirnschäden durch Minderdurchblutung nicht auszuschliessen. Ebenfalls problematisch: ein akutes Nierenversagen, so dass wir die Patientin dialysieren müssen. Am 3. Tag wird sie langsam wach. Diese Momente sind sehr spannend, da sich mögliche Hirnschäden jetzt zeigen oder ausschliessen können. Frau N. bewegt die rechte Körperhälfte schwach, die linke gar nicht.

Ich versuche dem Ehemann die Situation schonend und verständlich zu erklären. Falls sie überhaupt überlebt, sage ich, wird sie vielleicht immer dialysepflichtig und ein Pflegefall bleiben. Meine erwarteten Reaktionen waren Verzweiflung und Zukunftsängste.

Der Mann stahlt mich an, umarmt mich unvermittelt und drückt mich fest. Ist doch super, sagt er. Er habe gar nich geglaubt, sie überhaupt wieder zu sehen und er wolle einfach danke sagen, dass wir seine Frau so toll betreuen. Alles was kommen kann,  kriegen wir schon hin, sagt er, während er ihre Hand tätschelt. Wäre doch gelacht nach all den Jahren.

3 comments on “Danke

  1. Gabs says:

    Eine wunderbar positive Einstellung!

  2. Meine Wenigkeit ist ja einer der regelmässigen Leser dieses Blogs und ich freue mich über jeden einzelnen Beitrag. Aktuell ist die Situation die, daß wir in fast schon regelmässigen Abständen unsere Großmutter ins KH liefern, jedesmal hieß es zuerst, es ist kritisch, jetzt beim 5.Mal haben wir gelernt, mit der Situation umzugehen und rechnen immer wieder mit einer Entlassung. Da ich leider ganz persönlich mit erleben musste, wie garstig und gemein meine eigene Großmutter zu den Pflegern und Krankenschwestern auf ihrer Station war in ihren nicht so guten Tagen, möchte ich an dieser Stelle mal meinen Respekt zollen für die Arbeit und die Kraft und die Geduld und die Gelassenheit und und und die jeder einzelne von Euch immer wieder aufbringen muss.
    In diesem Sinne in der Hoffnung auf mehr mehr mehr Posts. Frau M. aus B.

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