Therapieoptionen

In der modernen Medizin werden die Grenzen des machbaren immer weiter nach hinten verschoben. Viele wichtige Organe können zumindest für eine Weile durch Maschinen, in Kombination mit Medikamenten,  ersetzt werden. Bei der Übergabe am Patientenbett heisst es lapidar: was die Ausscheidung angeht, steht die Niere neben dem Bett. Gemeint ist die Dialysemaschine. Diese leuchtet freundlich blau und hat in etwa die Ausmasse von R2D2. Beatmet werden die meisten Patienten eh, in unserer Klinik erhalten viele auch erhebliche Kreislaufunterstützung bis hin zu vollkommen künstlichem Kreislauf. Kunstherzen gibt es zwar auch “to go” mit Akkus für zuhause, bei uns sind es aber meist grosse Maschinen, die das Blut zum einen mit Sauerstoff versorgen (statt Lunge) und zum anderen aber auch einen kompetenten Kreislauf aufrechterhalten können (statt Herz). Im schlimmsten Fall liegt bei mir also ein Patient ohne funktionierendes Herz, Lunge, Leber, Niere und Bauchspeicheldrüse. Die Ernährung ist eh künstlich, Bewegung erfolgt passiv mit unseren Physios. Und dann? Hat man sich erstmal in diese Situation gebracht, stirbt der Patient nicht mehr von alleine. Irgendjemand muss schon irgendwelche Regler verstellen oder Schalter betätigen, damit es zu Ende geht. Als Anfänger in dieser Hochleistungsmedizin lässt man sich gern und schnell mitreissen von den technischen Möglichkeiten und den damit verbundenen Therapieoptionen. Viele dieser apparativen Möglichkeiten sind nur als überbrückende Maßnahmen kritischer Situation gedacht und geeignet. Schwer ist es, die Grenzen zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Schwierig ist es,  zu lernen anzuerkennen, wann der Moment ist, wo man den Menschen trotz aller theoretischen Möglichkeiten, die Therapie fortzuführen, gehen lassen sollte.

Gut ist es, in solchen Momenten einen erfahrenen Kollegen an Bord zu haben, der einem im Moment der Verzweiflung die Hand auf die Schulter legt und sagt: ,,weisst Du, wenn der liebe Gott das Leben abgepfiffen hat, kann man zwar die Nachspielzeit nutzen, aber man sollte nicht in die Verlängerung gehen.”

Oder um es mit den Worten des sehr erfahrenen Vaters eines Kollegen zu sagen: ,,Man sollte den Menschen die Chance erhalten, an ihrer Krankheit zu versterben und nicht an der Therapie”.

2 comments on “Therapieoptionen

  1. Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen. Punkt.

  2. kitchenroach says:

    Leider passiert das heute immer seltener….

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